Hatice Koca: „Pflegekräfte sind keine Sidekicks!“
Hatice Koca ist Stress gewohnt. Das merkt man sofort, als sie gut gelaunt durch die Tür eines Wiener Fotostudios spaziert – obwohl sie eben noch ein Dreiviertelstunde im Stau stand. Kurz in die Maske, schnelle Abstimmung, ein paar Outfits anprobieren, Shooting, Interview und zwischendurch die Info, dass ihr Mann gleich die kleine Tochter zum Stillen vorbeibringt. Trotzdem wirkt Hatice Koca so, als würde sie all das im Vorbeigehen erledigen. Präzise, klar, pragmatisch und unbeeindruckt von einer Taktung, die andere längst überfordern würde. Diese Gelassenheit ist nicht gespielt. Hatice Koca arbeitet auf einer Intensivstation in einem Wiener Spital – ein Ort, an dem Sekunden über Leben und Tod entscheiden können und Ausnahmesituationen zum Alltag gehören. Gleichzeitig ist sie eine der bekanntesten Health-Influencerinnen im deutschsprachigen Raum. Auf TikTok folgen ihr rund 150.000 Menschen und schauen ihr dabei zu, wie sie in kurzen Videos Einblicke in ihren Beruf gewährt.
Über ihre Erfahrungen hat Hatice Koca auch ein Buch geschrieben. „In besten Händen – Tagebuch einer Krankenschwester“ ist zugleich eine Liebeserklärung an die Pflege und ein schonungsvoller Blick auf das, was im System nicht funktioniert.
Im Interview spricht sie über die Realität auf der Intensivstation, strukturelle Hürden – und darüber, wie man junge Menschen für den Beruf begeistert.
Ich habe gelernt, meine Verletzlichkeit zu wahren.
Der wohl traumatischste Tag im Leben Ihrer Patient*innen und deren Angehörigen ist für Sie ganz normaler Dienst. Wie halten Sie das aus?
Reden hilft mir sehr – und mein Glaube. Gleichzeitig habe ich gelernt, mich selbst zu schützen und meine Verletzlichkeit zu wahren. Viele Kolleginnen haben ihre eigenen Rituale, um Distanz zu schaffen: Manche duschen sofort, um den Arbeitstag im wahrsten Sinne des Wortes abzuwaschen. Für mich ist schon das Ablegen des Kittels ein symbolischer Akt: Ich ziehe ihn aus – und lasse den Tag hinter mir.
Was haben Sie auf der Intensivstation über das Leben gelernt?
Dass nichts so sicher ist wie der Tod. Ich habe mal eine Patientin in meinem Alter verloren. Sie hatte drei Kinder, eine Familie – und plötzlich war sie weg. In solchen Momenten wird mir bewusst, wie fragil das Leben ist und welch große Lücke der Tod eines einzelnen Menschen hinterlassen kann. Solche Erlebnisse verändern den Blick auf vieles. Strafzettel, Kratzer am Auto, der kaputte Staubsauger – all das wirkt
plötzlich gar nicht mehr so schlimm.
Wie erleben Sie persönlich den Moment, in dem jemand stirbt?
Jede und jeder von uns hat seinen eigenen Umgang mit dem Tod: Ein Kollege öffnet das Fenster, damit die Seele frei fliegen kann, eine andere Kollegin betet leise. Wenn jemand geht, wird es immer kurz still – manchmal aber nur für Sekunden, bis die nächste Patientin oder der nächste Patient ruft.
Das klingt sehr belastend. Kein Wunder, dass in Österreich im Schnitt alle sieben Jahre eine Pflegekraft den Beruf verlässt. Haben Sie selbst je darüber nachgedacht, aufzuhören?
Nein. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich etwas Sinnvolles tun wollte. Das ist für mich einer der großen Pluspunkte in der Pflege. Trotzdem ist es sehr anstrengend, Woche für Woche 40 Stunden mit kranken Menschen zu arbeiten. Die soziale Batterie ist irgendwann leer. Viel hängt auch mit den Strukturen zusammen, wie Krankenhäuser funktionieren. Und die Patientenklientel hat sich verändert: Es gibt messbar mehr Aggression und sexualisierte Gewalt, besonders gegenüber Frauen. Wenn dann wenig zurückkommt, bleibt vielen nur, den Beruf zu verlassen.

Sie haben die Krankenhausstrukturen angesprochen: Wie sieht die Situation konkret auf der Intensivstation aus?
Offiziell gilt eine Eins-zu-Eins-Betreuung: eine Pflegekraft für eine*n Patient*in. In der Realität ist das aber selten so. In Österreich liegt der Schlüssel meist bei eins zu zwei. In Deutschland ist die Situation schlimmer. Was wir dort sehen, ist Multifunktionsversagen.
Das klingt dramatisch…
Ist es auch. In Deutschland betreut eine Pflegekraft oft drei bis vier Intensivpatient*innen gleichzeitig. Wir nennen das zynisch ‚Bypass-Pflege‘ – man schaut kurz vorbei, legt Medikamente bereit, prüft die Werte und eilt weiter. Dabei bräuchte es viel mehr Zeit für die eigentliche Pflege: tägliches Waschen, frische Bettwäsche, Lagerung alle paar Stunden. Eine Intensivpatient*in kann sich nicht selbst bewegen – das bedeutet, man muss regelmäßig umlagern, um Komplikationen zu vermeiden. In Österreich ist das noch Alltag. In Deutschland fehlt dafür längst die Zeit.
An der Gesundheit von Menschen darf kein Preisschild hängen.
Wie konnte es so weit kommen?
Das ist ein strukturelles und vor allem politisches Problem. Krankenhäuser werden behandelt, als müssten sie profitabel sein – aber an der Gesundheit von Menschen darf kein Preisschild hängen.
Ein weiteres Problem: Während die Bevölkerung altert, fehlt es an Menschen, die in der Pflege arbeiten wollen. In Österreich könnten bis 2030 bis zu 90.000 Stellen unbesetzt bleiben. Wie kann man die junge Generation wieder für den Beruf begeistern?
Ich glaube, wir sind da gar nicht auf einem so schlechten Weg. Die Bezahlung ist in Österreich inzwischen wirklich gut – vor allem in Spezialbereichen kann man mit 30 Stunden heute mehr verdienen als früher in Vollzeit. Außerdem ist der Beruf deutlich flexibler geworden. Viele aus der Generation Z suchen sich gezielt Stationen und Arbeitsmodelle aus, die zu ihnen passen, und wechseln, wenn sie möchten – das ist neu, aber nicht schlecht. Auch die Dienstplanung hat Vorteile: Mit kluger Einteilung kann man mit zehn Urlaubstagen fast drei Wochen frei haben. Finanziell und organisatorisch ist Pflege heute attraktiver, als viele denken. Das muss bei all den Problemen, die wir haben, auch mal gesagt werden.
Ist das auch der Grund, warum Sie auf Ihrem TikTok-Kanal für den Beruf werben?
Ja. Als ich angefangen habe, Pflege zu studieren, habe ich im deutschsprachigen Raum kaum Inhalte dazu gefunden. Also habe ich selbst darüber gesprochen – ohne große Vision, einfach um zu zeigen, was ich mache. Daraus ist dann schnell etwas Größeres entstanden. Ich arbeite heute sogar mit einer Kollegin zusammen, die mir erzählt hat, sie wäre ohne meine Videos nie in die Pflege gegangen. Mir geht es aber nicht nur um Nachwuchs, sondern auch darum, der Gesellschaft zu zeigen, was Pflege wirklich ist.
Was wird Ihrer Meinung nach oft übersehen oder unterschätzt?
Viele wissen gar nicht, wie komplex dieser Beruf ist. Wir wischen kranken Menschen nicht nur den Hintern ab. Pflegekräfte sind der Dreh- und Angelpunkt im Gesundheitssystem. Wir sind das Bindeglied im Krankenhaus – die zentrale Schnittstelle zwischen Ärzt*innen, Therapeut*innen, Angehörigen und Patient*innen. Ich bin über zwölf Stunden am Stück bei meinen Patientinnen und Patienten – ich kenne sie oft besser als alle anderen.

Viele Pflegekräfte beklagen, dass sie für ihre wichtige Rolle zu wenig Wertschätzung bekommen …
Das stimmt. Deshalb brauchen wir Strukturen, die uns politische Mitsprache ermöglichen, wie zum Beispiel eine eigene Pflegekammer, die sich um unsere Interessen und Anliegen kümmert. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist auch die Akademisierung unseres Berufes.
Wie meinen Sie das?
Wer als diplomierte Pflegekraft in Österreich arbeiten möchte, absolviert heute ein dreijähriges Bachelorstudium an einer Fachhochschule (Gesundheits- und Krankenpflege) und verbindet Theorie mit Praxis. Daneben gibt es weiterhin nicht-akademische Ausbildungen: die zweijährige Pflegefachassistenz und die einjährige Pflegeassistenz. Für diese Wege braucht man keine Matura. Das System entwickelt sich Richtung Teammodell, ähnlich wie in den USA.
Diplomierte Pflegekräfte übernehmen die organisatorische und koordinierende Rolle – sie entscheiden, was gemacht werden muss, während Pflegefachassistentinnen und -assistenten die praktischen Aufgaben ausführen. So entsteht eine klare Aufgabenverteilung. Der Gedanke dahinter ist: mehr Verantwortung, mehr Überblick, mehr Denkarbeit.
Hebt das den Status der Pflege im Krankenhaus?
Absolut. Wenn ich sagen kann: Ich habe studiert, ich bin Expertin in meinem Fach – dann begegne ich Ärzt*innen auf Augenhöhe. Das verändert die Dynamik. Wir sind keine Sidekicks, wir sind Kolleginnen. Gleichzeitig stärkt diese Akademisierung auch das Berufsbild nach außen.
KI könnte wie ein Shortcut funktionieren – und den Kopf entlasten.
Trotz aller Verbesserungen bleibt die Arbeitsbelastung hoch. Könnten Technologien wie Künstliche Intelligenz und Robotik die Pflege spürbar entlasten?
Ich sehe da großes Potenzial, vor allem in der Unterstützung im Hintergrund. Eine KI könnte wie eine Art Shortcut funktionieren: Wenn ich zum Beispiel ein gebe, dass Patient*in XY bestimmte Symptome zeigt, könnte die KI mögliche nächste Schritte vorschlagen. Solche Prozesse dauern im Alltag oft lange, weil man sich durch zahlreiche Leitlinien und Studien arbeiten muss. KI ersetzt natürlich keine Pflegekraft, aber sie entlastet den Kopf enorm. Besonders bei der Dokumentation und all dem Papierkram könnte sie uns viel abnehmen, und das allein wäre schon eine deutliche Erleichterung.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sind Sie als Mutter durch Ihren Beruf gelassener geworden – oder wird es schwerer, wenn das eigene Kind krank ist?
Beides – es ist ein Fluch und ein Segen. Im Alltag ist es ein Vorteil, weil man weiß, wie man mit Krankheit umgeht. Ich halte beruflich Menschen am Leben, da bringt mich ein fieberndes Kind nicht so schnell aus der Ruhe. Aber wenn es wirklich ernst wird, ist das etwas ganz anderes. Als mein Mann einmal hohes Fieber hatte, hätte ich ihm problemlos einen Zugang legen können – ich mache das ständig im Job. Aber in dem Moment ging es nicht. Ich habe eine Kollegin gebeten zu kommen, weil mein Kopf genau wusste, was zu tun ist, mein Herz aber blockiert hat. In solchen Momenten merkt man, wie nah einem das alles doch geht.