Wieder mal ist in Österreich eine Frau in eine Spitzenposition aufgerückt. Der Haken: Dafür musste vorher natürlich erst ein Mann unter möglichst großem öffentlichen Druck zurücktreten.

Nach dem Abgang von Roland Weißmann übernimmt nun Ingrid Thurnher interimistisch den ORF. Damit setzt Österreich seine vielleicht erfolgreichste Gleichstellungsmaßnahme fort: Frauen dürfen endlich ganz nach oben sofern sie bereit sind, dort zunächst die Trümmer wegzuräumen.

Das Modell hat Tradition. Brigitte Bierlein wurde Kanzlerin, nachdem männliche Spitzenpolitiker das Land auf Ibiza moralisch in die Adria gekippt hatten.

Martha Schultz übernahm in der WKO interimistisch, nachdem Harald Mahrer zurücktrat. Und jetzt eben Ingrid Thurnher: erfahren, kompetent, angesehen. Die die nächste Frau, die beweisen darf, dass sie den Laden zusammenhalten kann, bis wieder ein Mann mit langfristiger Perspektive gefunden ist.

„Es ist bezeichnend, dass – wie so oft – es Frauen sind, die es wieder einmal richten müssen“, erklärte SPÖ-Mediensprecher Klaus Seltenheim und formuliert damit versehentlich das gesamte österreichische Gleichstellungsmodell in einem Satz. Auch sonst klingen die Männer wieder schwer beeindruckt von weiblicher Kompetenz. Plötzlich ist von „Stabilität“, „Aufklärung“ und „geordnetem Übergang“ die Rede. Österreichisch für: Eine Frau soll jetzt bitte übernehmen, ohne dass wir das Grundproblem grundsätzlich besprechen müssen.

In politischen und institutionellen Kreisen spricht man bereits vom bewährten Trümmerfrauen-Prinzip: Zuerst werden Frauen jahrzehntelang bei Beförderungen übergangen. Dann eskaliert ein Mann. Dann übernimmt eine Frau interimistisch. Dann wird ein Mann als langfristige Lösung gesucht.

Die gläserne Decke ist in Österreich also durchaus durchlässig. Man muss nur warten, bis sie einem Mann auf den Kopf fällt. Insider berichten, immer mehr Frauen würden sich daher gezielt für höchste Führungspositionen empfehlen, indem sie einfach neben dem Ausgang warten und seriös wirken. Die gute Nachricht: Frauen können in Österreich heute wirklich alles erreichen. Die schlechte: meistens erst nach einem Rücktritt, einer Affäre oder einem mittelschweren institutionellen Flächenbrand.

Wir sind bei der Gleichstellung eben deutlich weiter, als viele glauben: Frauen dürfen inzwischen jeden Scherbenhaufen führen. Und sie dürfen jetzt alles werden – sobald Männer zurücktreten müssen.

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