StartErfolgHätte ich das bloß früher gewusst„Das Unbekannte gibt mir die Möglichkeit, Neues zu lernen“

„Das Unbekannte gibt mir die Möglichkeit, Neues zu lernen“

Beatrix Czipetits erzählt im „Hätte ich das bloß früher gewusst“-Interview, warum sie bewusst ins Unbekannte geht. Und welche Menschen und Denkmuster ihre Karriere geprägt haben.

In unserer Serie „Hätte ich das bloß früher gewusst“ teilen erfolgreiche Gründerinnen und Führungspersönlichkeiten ihre wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen. Diese wertvollen Lektionen, die sie im Laufe ihrer Karriere gesammelt haben, wären für sie selbst ein entscheidender Vorteil gewesen, hätten sie sie schon zu Beginn gewusst.

In dieser Ausgabe teilt Beatrix Czipetits, ehemalige Top-Managerin und heutige Executive-Beraterin aus Wien, ihre Erfahrungen und Learnings. Als „Die Co-Pilotin“ begleitet sie CEOs, Vorstände und Geschäftsführungen dabei, Veränderungen strukturiert umzusetzen, Strategien zu schärfen und Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Mit ihrem Ansatz #WeAreDiversity bringt sie Diversität aus der Wohlfühlecke in die Steuerung: messbar, prozessorientiert und mit klarem Business-Fokus. Hier erzählt sie, warum sie komplexe Systeme früh verstehen wollte, welche Haltung ihr durch anspruchsvolle Rollen geholfen hat und was sie rückblickend gerne früher gewusst hätte.

Gab es einen Menschen, ein Buch oder eine Erfahrung, die Ihre Karriere maßgeblich beeinflusst hat? Wenn ja, wie?

Ja, das waren meine Eltern. Meine Mutter, die darauf bestanden hat, dass ich die Matura
mache. Das in einer Phase, als ich als 14-Jährige der Meinung war, dass ich mit der
Schule nicht mehr weitermachen möchte.

Und mein Vater, mit dem ich als Kind immer viel unterwegs war und der mich in viele
seiner Aktivitäten und Arbeiten einbezogen hat. Egal ob es darum ging, Regale für den
Keller zusammenzubauen, Pläne für einen Umbau zu entwickeln oder etwas für eines
seiner Projekte zu organisieren. Dabei hat er mir von klein auf immer mit einer großen
Selbstverständlichkeit das Gefühl gegeben, dass ich das alles kann.

In der Reflexion sehe ich, dass mir diese Haltung bis heute bei allen Herausforderungen und bei der Übernahme neuer Aufgaben und Funktionen die tiefe Zuversicht gibt, dass ich das kann. Die Unsicherheit und das Nicht-Zutrauen, schwierige Aufgaben zu übernehmen, von dem ich gerade bei Frauen sehr oft lese, kenne ich dadurch zum Glück nicht.

Deswegen und weil meine Eltern mir sehr bodenständige Werte mitgegeben und mich
auf meinem Weg immer unterstützt haben, sind sie die großartigsten Ermöglicher*innen, die ich mir wünschen konnte. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Was war die wichtigste Lektion, die Sie in Ihrer Karriere gelernt haben, und wie hat sie Ihre Sichtweise verändert?

Ich habe viele Jahre in großen Organisationen gearbeitet und dabei früh erkannt, dass
komplexe Systeme nach ihren eigenen Regeln funktionieren. Vermutlich findet man nicht
so schnell jemanden, der sich in den Zwanzigern mit Systemtheorie beschäftigt. Ich habe sie unglaublich spannend gefunden und zudem tagtäglich im Berufsalltag immer aufmerksamer in der Praxis beobachtet. Ich halte das für wichtig, weil man dann sehr gut versteht, warum sich Menschen so verhalten, wie sie sich verhalten. Die Erfahrungen aus der Praxis habe ich laufend um Fortbildungen ergänzt.

Mit diesem großen Rucksack voll an praktischen Erfahrungen und theoretischem
Background, habe ich heute das große Privileg, Entscheidungsträger*innen bei der
Umsetzung von Veränderungen in ihren Organisationen und bei der Weiterentwicklung
der Unternehmenskultur zu begleiten und zu beraten, auch im Bereich Diversity
Management.

Gibt es eine Gewohnheit oder Routine, die Sie erst spät entwickelt haben und die
Sie heute nicht mehr missen möchten?

Ich frage mich heute sehr viel öfter, ob es in einer Situation sinnvoll ist und einen
Mehrwert hat, dass ich meine Meinung zu einem Thema sage. Wenn meine Meinung
nicht explizit gefragt ist, behalte ich sie oft für mich. Ich muss nicht alles kommentieren,
so wichtig nehme ich mich nicht. Wobei ich hier schon einen Unterschied zwischen
Meinung und Expertise mache. Expertise teile ich natürlich gerne.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten, „hätte ich das doch nur früher
gewusst“?

Ich weiß heute aus Erfahrung, dass für mich nicht nachvollziehbares Verhalten von
Menschen mir gegenüber oft weniger mit mir zu tun hat, als mit ihnen selbst. Häufig sind
es deren Unsicherheiten, die Menschen völlig irrationale Dinge tun lassen. Natürlich
muss man jede Situation immer für sich neu bewerten. Doch hätte ich das grundsätzlich
früher erkannt, hätte ich schon eher mehr Gelassenheit entwickelt und weniger auf mich
bezogen oder persönlich genommen.

Welche Fehler oder Rückschläge waren rückblickend entscheidend für Ihren Erfolg – und warum?

Ich sehe mich als absolutes Glückskind. Große Rückschläge habe ich in meinem Leben
nicht erleben müssen, dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch,
der gerne unbekanntes Terrain betritt: das Unbekannte gibt mir die Möglichkeit, Neues zu
lernen und meine Persönlichkeit weiterzuentwickeln. So kann ich immer schwierigere
Dinge immer leichter bewältigen. Wenn in der Vergangenheit jemand für ein völlig neues
Thema gesucht wurde oder sich Dinge besonders knifflig angehört haben, habe ich
praktisch immer aufgezeigt. Ich knacke einfach gerne schwierige Nüsse. Durch diese
Haltung bieten sich einerseits öfter Chancen, die ich auch gerne ergriffen habe.
Andererseits habe ich dadurch mittlerweile eine ziemlich große Komfortzone, in der ich
mich sicher bewege.

Natürlich ging nicht immer alles leicht. Manchmal braucht man schon ordentlich viel
Durchhaltevermögen, vor allem wenn es bei Projekten Widerstände gibt oder man den
Lösungsweg anpassen muss. Da sind Flexibilität und Fingerspitzengefühl nötig, um alle
Interessen unter einen Hut zu bekommen. Doch das ist kein Rückschlag! Solche
Phasen sind sehr wichtige Reflexionspunkte, an denen man sich kritisch fragen muss,
was man wirklich will und welchen Preis man bereit ist, dafür zu bezahlen.

Welche Überzeugung oder Regel, die Sie zu Beginn Ihrer Karriere hatten, haben Sie inzwischen über Bord geworfen – und warum?

Ich wurde sehr leistungsorientiert erzogen. „Von nichts kommt nichts“ ist ein
Glaubenssatz, den ich schon sehr früh gehört habe. Ergebnisorientierung,
Zuverlässigkeit, Zusammenhalt im Team und Loyalität waren mir daher immer schon
sehr wichtig. Ich habe diesen Glaubenssatz nicht über Bord geworfen. Im Gegenteil. Ich
bin der Meinung, dass Leistung ein unerlässlicher Bestandteil von Erfolg ist. Ich habe
aber sehr schnell erkannt, dass ein gutes Netzwerk, unternehmerisches Denken und das
mutige Ergreifen von Chancen sowie eine Portion Glück genauso wichtige Zutaten für
Erfolg sind.

Wenn Sie an den Beginn Ihrer Karriere zurückdenken, welchen Rat hätten Sie Ihrem jüngeren Ich gegeben?

Du machst es genau richtig, so, wie Du es machst. Aber: Genieße es mehr, es geht alles
so schnell vorbei!

Fotomaterial(c) Miriam Mehlman

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