Fast 20 Prozent der Deutschen sind alleinerziehend, in Österreich sind es 12 Prozent. Sara Buschmann ist eine von ihnen und setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass Menschen wie sie nicht mehr diskriminiert werden. Im Gespräch erklärt die Autorin und Gründerin der Onlineplattform SOLOMÜTTER, was sich strukturell ändern muss, wie Arbeitgebende von echter Vereinbarkeit profitieren und warum Familienpolitik endlich alle Familienformen mitdenken sollte.

Frau Buschmann: Was hätten Sie gerne gewusst, bevor Sie alleinerziehend wurden?

Dass Alleinerziehen keine Ausnahme ist, sondern ein ganz normaler Lebensentwurf – und dass es kein persönliches Scheitern bedeutet, wenn eine Partnerschaft endet. Ich war auf vieles vorbereitet, aber nicht auf den Moment, in dem ich plötzlich allein die Verantwortung für ein Kind trug. Heute weiß ich: Wer sich rechtzeitig um finanzielle Absicherung, tragfähige Netzwerke und eine stabile Alltagsstruktur kümmert, nimmt enormen Druck heraus.

Mit welchen Nachteilen kämpfen Sie?

Die größten Herausforderungen sind strukturell: zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig gesellschaftliches Verständnis. Wir arbeiten, erziehen, organisieren – und gelten dennoch in vielen Systemen als „Risikofamilien“. Besonders deutlich zeigt sich das in der Arbeitswelt: Teilzeit wird noch immer mit geringerer Leistungsbereitschaft gleichgesetzt, und Karrierechancen bleiben aus, weil Flexibilität meist nur in eine Richtung gedacht wird – nämlich von den Mitarbeitenden aus.

Was bräuchte es, um das zu verändern?

Als ausgebildete Vereinbarkeits-Managerin weiß ich, dass und wie sich das ändern ließe – mit klar messbarem Nutzen. Laut einer Studie der Roland Berger GmbH liegt die sogenannte „Vereinbarkeits-Rendite“, also der wirtschaftliche Ertrag von Investitionen in familienfreundliche Maßnahmen, bei bis zu 25 Prozent. Wer Vereinbarkeit ernst nimmt, steigert nicht nur die Zufriedenheit und Bindung seiner Mitarbeitenden, sondern auch Produktivität und Innovationskraft. Familienfreundlichkeit ist damit kein „Mutti-Thema“, sondern eine strategische Zukunftsfrage.

Wie meinen Sie das?

Dem Einfallsreichtum sind dabei kaum Grenzen gesetzt: Homeoffice-Regelungen können in den Ferienwochen ausgeweitet werden, Langzeit-Arbeitszeitkonten schaffen Entlastung über Jahre hinweg, und Jobsharing-Modelle ermöglichen, dass zwei Menschen ihr Wissen und ihre Stärken in eine Position einbringen. Wichtig ist, dass Unternehmen den Dialog suchen: Redet mit euren Leuten, fragt nach ihren Bedürfnissen – und entscheidet gemeinsam. Ebenso entscheidend sind sichtbare Vorbilder: Führungskräfte, die selbst Vereinbarkeit leben und zeigen, dass Care-Arbeit kein Karrierekiller ist.

Was fordern Sie konkret von der Politik?

Dass der Familienstand „Alleinerziehend“ im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verankert wird. Wer als Alleinerziehende*r keinen Job bekommt oder nicht befördert wird, weil er oder sie angeblich „nicht flexibel genug“ ist, erlebt Diskriminierung. Es braucht auch mehr steuerliche Fairness – etwa durch ein Kindersplitting statt Ehegattensplitting, eine konsequentere Verfolgung von Unterhaltsprellenden, bezahlbare und verlässliche Kinderbetreuung auch zu Randzeiten sowie ein System, in dem sich Erwerbs- und Care-Arbeit nicht gegenseitig ausschließen. Staatliche Hilfen müssen einfacher zugänglich werden, bürokratische Hürden abgebaut. Auch beim Gewaltschutz, insbesondere nach Trennungen, hat Deutschland noch Nachholbedarf.

In welchen Bereichen hat sich schon etwas verbessert?

Es bewegt sich etwas – wenn auch in kleinen Schritten. Das Bewusstsein für Vereinbarkeit wächst, und durch den Fachkräftemangel öffnen sich viele Unternehmen für neue, flexiblere Arbeitsmodelle. Aber strukturell ist noch viel zu tun, politisch ist Vereinbarkeit derzeit kein Schwerpunkt mehr. Die viel zitierte „Familienfreundlichkeit“ auf Parteitagen oder in Programmen hat oft wenig mit echter Gleichstellung zu tun. Leider wird Familie noch zu häufig heteronormativ gedacht.

Wo finden Alleinerziehende Hilfe?

In meiner Bubble gibt es Verständnis, Tipps und Solidarität. Genau aus diesem Geist heraus habe ich vor fast fünf Jahren meine gemeinnützige Organisation SOLOMÜTTER gegründet – eine Interessenvertretung für Alleinerziehende mit der Vision, dass Ein-Eltern-Familien gesellschaftlich mitgedacht und nicht mehr diskriminiert werden. Unsere Plattform bietet praktische Unterstützung, schafft Sichtbarkeit und vernetzt Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen.

Katja Hentschel
Diskurs Gesellschaft Featured