„Fleißig sein kann ein Karrierehindernis sein“: Gabriele Strodl-Sollak weiß, wie provokant dieser Satz klingt. Die Unternehmerin und Leadership-Expertin hat selbst erlebt, wie viel eine Absage verändern kann, was ein gezieltes Gehaltscoaching bewirkt und warum Erfolg trotz guter Arbeit nicht geradlinig verläuft. In „now she knows“ spricht sie über die Spielregeln hinter Karrieren, den Rückhalt, den Frauen für Führungspositionen brauchen, und die Frage, ob die nächste Extra-Meile wirklich die richtige Richtung ist.

Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?

Ich war noch keine 30, gerade beruflich aus den USA und Russland zurück und wieder an der Uni, um berufsbegleitend Public Relations zu studieren. Wolfgang Rosam, damals der unangefochtene Branchenprimus, schrieb drei Juniorstellen in seiner Agentur aus und ermutigte mich ausdrücklich, mich zu bewerben. Mehr als 100 Bewerber:innen traten zum Assessment an, entschieden wurde von einem dreiköpfigen Gremium nach Punkten.

Kurz darauf kam die schriftliche Absage. Ich war am Boden zerstört.

Nach dem nächsten Seminar nahm mich Rosam zur Seite und sagte sinngemäß: „Wir haben mit gleichen Stimmanteilen entschieden. Sie waren auf Platz vier, daran kann ich nichts ändern. Aber bleiben Sie unbedingt in dieser Branche. Das ist Ihre Welt.“ Dieser eine Satz hat viel verändert. Ich bewarb mich initiativ bei der zweitgrößten PR-Agentur Österreichs und machte dort meinen Weg. Die Absage war plötzlich nicht mehr das Entscheidende. Entscheidend war, dass jemand, dessen Urteil in der Branche Gewicht hatte, mir zutraute, dort erfolgreich zu sein.

Seitdem weiß ich: „Nicht jede Absage ist ein Nein zum eigenen Potenzial. Manchmal ist sie nur ein: nicht hier.“

Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?

Das Wissen, dass Erfolg nicht nur von Kompetenz, Fleiß und Persönlichkeit abhängt, sondern ganz wesentlich vom System, in dem wir arbeiten.

Ich hätte gerne früher verstanden: Du musst im richtigen Aquarium schwimmen. Wie funktionieren die Spielregeln hier? Was sind die Tabus und ungeschriebenen Gesetze? Was wird tatsächlich belohnt? Und vor allem: Wer entscheidet hier eigentlich?

Heute weiß ich, dass ich in traditionellen, stark hierarchischen Organisationen weniger gut arbeiten kann – sie aber sehr gut beraten kann. Mir liegen kleinere, bewegliche Strukturen, Start-up-Mentalität und Familienunternehmen, die eine Erkenntnis schnell in Handlung übersetzen. Und zur Höchstform laufe ich als Unternehmerin auf: maximale Verantwortung, maximale Wendigkeit.

Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?

Zwei Weiterbildungen haben meine Laufbahn fundamental geprägt. Die Ausbildung in systemischer Organisationsentwicklung und Coaching bei Prof. Fritz Simon in Berlin hat mir beigebracht, nicht nur Menschen, sondern Systeme zu lesen.

Und dann war da ein Gehaltscoaching, das ich mir beim Sprung zur First-Time-Leaderin geleistet habe. Nach drei Sessions hatte ich 30 Prozent mehr Gehalt – und etwas noch Wertvolleres: die Gewissheit, dass ich verhandeln kann. Und dass ein Nein eine vollkommen legitime und oft sehr wirkungsvolle Strategie ist.

Was war der größte Karriere-Boost?

Es klingt vielleicht paradox, aber: die Corona-Pandemie. Einige Wochen vor dem ersten Lockdown hatte ich bereits begonnen, online zu coachen. Als plötzlich nur noch diese Form möglich war, musste ich mich nicht erst an einen neuen Kanal gewöhnen. Ich wusste bereits, wie gut Online-Coaching funktioniert und wie sich auch über den Bildschirm Nähe, Vertrauen und Intensität herstellen lassen. Wir konnten praktisch nahtlos umsteigen.

In dieser Zeit entstand außerdem mein Buch „Boost your career, Sister!“, ein kompakter Karriereguide, der meine Positionierung und Reputation deutlich gestärkt hat.

Eine meiner Interviewpartnerinnen dafür war Michaela Ernst, damals Herausgeberin von SHEconomy. Dadurch war ich sehr früh auch bei SHEconomy präsent: mit Webinaren, später mit Kolumnen über Positionierung, Selbstmarketing und Macht.

Manchmal entsteht ein Karriere-Boost nicht dadurch, dass sich die Bedingungen verbessern, sondern dadurch, dass man auf veränderte Bedingungen bereits vorbereitet ist.

In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?

Dass unternehmerischer Erfolg nicht linear verläuft.

Ich bin seit 2006 Unternehmerin und weiß heute: Auf ein grandioses Jahr folgt nicht automatisch ein noch grandioseres. Ein wichtiger Auftraggeber wechselt das Unternehmen, die Nachfolge bringt ein eigenes Beratungsteam mit, Märkte verändern sich, Budgets werden gestrichen – und plötzlich sieht die Welt anders aus.

Dann dauert es vielleicht ein Jahr, bis das Geschäft wieder an frühere Erfolge anknüpft. Ich hätte gerne früher gewusst, dass diese Schwankungen kein persönliches Versagen sind, sondern zum Unternehmertum gehören. Sicherheit gibt es nicht. Genau diese Unberechenbarkeit bedeutet aber auch Freiheit – und die liebe ich.

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr Frauen Führungspositionen erreichen und welche, damit sie erfolgreiche Unternehmerinnen werden?

Ich halte es mit Sheryl Sandberg, die sinngemäß schreibt: Eine der wichtigsten Karriereentscheidungen einer Frau ist die Wahl ihres Partners.

Diese Person kann Entwicklung ermöglichen – oder systematisch bremsen. Sie kann ermutigen, Verantwortung übernehmen und Freiraum schaffen. Oder es selbstverständlich finden, dass die Partnerin den Großteil der Care-Arbeit übernimmt, Teilzeit arbeitet und ihre beruflichen Entscheidungen an möglichst kurzen Wegen zur Kinderbetreuung ausrichtet.

Mein Mann und ich haben diese Fragen schon vor unserer Hochzeit sehr konkret besprochen. Das hatte sogar Einfluss auf meine damalige Gehaltsverhandlung: Wenn er in Karenz geht, wollte ich mindestens genauso viel verdienen wie er. Für mich war klar: Ich wollte unsere Familie in dieser Zeit ohne finanzielle Einbußen erhalten können.

Rückhalt zu Hause verändert auch das Auftreten im Unternehmen. Wer privat nicht ständig um Freiräume verhandeln muss, kann beruflich sehr viel klarer sagen, was er oder sie will.

Und selbstverständlich braucht es darüber hinaus die strukturellen Voraussetzungen: hochwertige Kinderbetreuung, faire Karriere- und Beförderungsprozesse, bias-sensible Weiterbildung und Zugang zu Leadership-Programmen und Netzwerken innerhalb und außerhalb des Unternehmens.

Ihr persönlicher Karriere-Rat an alle?

Fleißig sein kann ein Karrierehindernis sein. Das sage ich bewusst provokativ, weil ständig von der Extra-Meile die Rede ist. Aber wer permanent rennt, sieht keine Abkürzungen.

Kreativität, Strategie und Innovation brauchen Abstand vom operativen Tun. Wer zu fleißig ist, ist oft hervorragend beschäftigt – aber nicht mit den entscheidenden Dingen. Ich nenne das den Arbeitsbienchenmodus.

Deshalb braucht es ein persönliches Sicherungssystem zum Nachdenken: fixe Reflexions- oder Fokuszeiten im Kalender, genauso verbindlich wie ein Kundentermin. In meinem Leadership-Programm ‚Female Boost Club‘ reservieren wir solche Zeiten bewusst gemeinsam – denn Reflexionszeit fällt dem Tagesgeschäft sonst schnell zum Opfer.

Karriere braucht irgendwann den Wechsel in den Leader-Modus: weniger nur erledigen, mehr prüfen, was wirklich Wirkung erzeugt. Und dann darf man natürlich auch wieder fleißig sein.


Wer mehr von Gabriele Strodl-Sollak hören will, sollte regelmäßig in ihren Podcast reinhören: ZUM PODCAST

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