Der demografische Wandel gilt als eines der prägendsten Themen unserer Zeit – und wird in Unternehmen dennoch oft nicht als strategische Priorität behandelt. Was bedeutet das konkret?

A.W.C.: Es ist ein bisschen wie beim Klimawandel. Wir wissen, dass er kommt, aber wir konzentrieren uns auf kurzfristige Krisen – Geopolitik, Wirtschaft, KI. Langfristige Themen geraten dadurch oft in den Hintergrund. Wir müssen nun zeigen – was gar nicht so schwer ist, denn die Daten sind wirklich beeindruckend –, wie groß dieses Alters-Thema in Wahrheit ist. Führungsteams müssen besser geschult werden, das Thema auf ihren Radarschirm zu holen und dazu gebracht werden, die Auswirkungen auf ihr Unternehmen, ihre Talente sowie ihre Kund*innen zu bewerten. Für Unternehmen, die vorausdenken, ist das eine enorme Chance. Die First Mover passen sich bereits an. Man muss das Thema richtig framen – dann werden es auch andere umsetzen.

Was heißt es für ein Unternehmen, wirklich demografisch intelligent zu sein?

A.W.C.: Ich nenne das „longevity literate“, also Langlebigkeitskompetenz. Unternehmen müssen „longevity ready“ werden. Das bedeutet vor allem, das Thema auf den Prioritätenplan der Führungskräfte zu bringen – in vielen Unternehmen ist das noch immer nicht der Fall. Genau daran arbeite ich im Moment. Denn solange demografischer Wandel nicht wirklich als strategisches Thema behandelt wird, bleibt er unterbelichtet. Dabei ist sein Einfluss durchaus vergleichbar mit Klimawandel und KI.

Da Menschen länger leben und länger arbeiten, greifen traditionelle Karrieremodelle – Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – nicht mehr. Wie sollten Führungskräfte und HR-Systeme darauf reagieren?

A.W.C.: Wenn man sich die Länder Europas mit der ältesten Bevölkerung anschaut – Italien, Spanien, Portugal –, dann liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei 80 Jahren und mehr. Unter gebildeten, gesunden Menschen, die auf ihre Gesundheit achten, werden wir bald mehrere Hundertjährige sehen. Das wird dann nichts Außergewöhnliches mehr sein. Vor allem Unternehmen mit vielen Wissensarbeiter*innen müssen sich auf diese Entwicklung einstellen.

Sie denken Karriere radikal neu – nämlich in vier beruflichen Lebensphasen. Wie funktioniert dieses Modell?

A.W.C.: Ich teile das Konzept des „100-jährigen Lebens“ in vier Quartale zu je 25 Jahren: Q1 ist Wachstum (Growth)/Q2 Leistung (Achieve)/Q3 Entfaltung (Become)/Q4 Ernten (Harvest). Fakt ist, dass sich die meisten Unternehmen heute fast ausschließlich auf Q2 konzentrieren – die Jahre eines Menschen zwischen 25 und 50. Die Herausforderung und das wirklich Neue ist jedoch Q3: diese gesunden, engagierten Jahre zwischen 50 und 75. Unternehmen müssen ihren Blick von Q2 auf Q2 und Q3 erweitern. Das bedeutet im Grunde eine Verdopplung von Karrieren. Intern betrifft es das Talentmanagement, extern Vertrieb, Marketing, Produktentwicklung und Innovation – und das alles ausgerichtet auf ein deutlich breiteres Kundensegment als bisher.

 „Unternehmen müssen „mehrsprachig“ in Bezug auf die Generationen werden: Sie müssen verschiedene Altersgruppen verstehen, motivieren und ansprechen können.“

Welche neuen Denkweisen oder Führungseigenschaften braucht es, um in einer Zeit demografischen Wandels und verlängerter Karrieren zu führen?

A.W.C.: Führungskräfte müssen zunächst mit den Daten, den Größenordnungen und den Auswirkungen dieses demografischen Wandels vertraut sein. Das ist kein Zukunftsthema – es passiert bereits. Zweitens müssen sie „mehrsprachig“ in Bezug auf die Generationen werden: Sie müssen verschiedene Altersgruppen verstehen, motivieren und ansprechen können – mit den richtigen Botschaften, Kommunikationsstilen und Arbeitsweisen. Derzeit sind viele Führungskräfte nur mit den Normen ihrer eigenen Generation vertraut. Doch unterschiedliche Generationen haben unterschiedliche kulturelle Erwartungen. Sie sind in unterschiedlichen Zeiten aufgewachsen und wurden von unterschiedlichen Technologien geprägt. Wir müssen lernen, voneinander zu lernen – statt uns gegenseitig zu bewerten.

Sehen Sie Technologie – und insbesondere KI – eher als Katalysator oder als Herausforderung für langlebigkeitsorientierte Organisationen und Karrieren?

A.W.C.: Ich sehe KI als einen großen Katalysator – interessanterweise könnte sie junge Menschen stärker betreffen als ältere. Ältere Menschen bringen viel Erfahrung mit. Sie haben viele Veränderungen erlebt und wissen, wie Systeme funktionieren. KI hingegen trifft besonders Berufseinsteiger*innen, also jene, die normalerweise einige Jahre brauchen, schneller in ihre Rollen hineinzuwachsen. Ich sehe viele Menschen über 50, die KI nutzen, um neue Unternehmen zu gründen oder neue Ideen zu entwickeln. KI ist nicht schwer zu erlernen. Sie basiert auf guten Fragen, guten Prompts und gutem Training. Gerade darin sind viele ältere Menschen sehr gut. Wenn KI richtig eingesetzt wird und stärker auf Leistung und Ergebnisse schaut statt auf Vorurteile, kann sie sogar helfen, Altersdiskriminierung zu reduzieren.

Sehen Sie Entwicklungen, die Sie optimistisch stimmen, dass Führungskräfte diese Transformation zunehmend ernst nehmen?

A.W.C.: Wir treten in eine Welt ein, in der Organisationen keine Wahl mehr haben werden – besonders in Europa, das mit einem massiven Rückgang der jüngeren Bevölkerung zu kämpfen hat. Die Hälfte der Belegschaften wird über 50 sein. Wenn wir diese Arbeitskraft nicht nutzen, wird es keinen wirtschaftlichen Motor geben, der unsere Volkswirtschaften antreibt.


Zur Person:

Avivah Wittenberg-Cox ist eine international gefragte Expertin für Leadership, Gender Balance und demografischen Wandel. Die gebürtige Britin lebt in Europa und berät Unternehmen sowie Regierungen dabei, sich auf eine alternde Gesellschaft und längere Erwerbsbiografien einzustellen. Sie ist Gründerin des Beratungsunternehmens 20-first und Autorin mehrerer Bücher zu den Themen Gleichstellung, Führung und „Longevity Leadership“. Sie wurde von Thinkers50 (eine Auswahl besonders einflussreicher neuer Denker*innen im Managementbereich) als eine der wichtigsten neuen Stimmen im globalen Managementdiskurs ausgezeichnet.

Michaela Ernst traf Avivah Wittenberg-Cox im Rahmen des Peter Drucker Forum 2025. Das Global Peter Drucker Forum ist die weltweit führende Managementkonferenz, bei der Vordenker*innen und Praktiker*innen zusammenkommen, um das Vermächtnis des in Wien geborenen Ökonomen und „Vater des modernen Managements“, Peter F. Drucker, weiterzuführen. Das nächste Drucker Forum findet im Herbst 2026 statt – mit dem zentralen Thema: „Next gen innovation. When everything depends on ingenuity.”

www.druckerforum.org, privat
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