Ladies, Stopp! Haltet einen Moment ein in eurem emsigen Gesumse, und horcht in euch rein: Wie steht’s um eure guten Vorsätze fürs neue Jahr? Statt der üblichen Bucketlist (weniger Alkohol, mehr Sport etc.) hier mein radikaler Vorschlag: Mehr Faulheit! Denn das von uns Frauen tief verinnerlichte Narrativ vom „Fleißigen Mädchen“ ist ein mächtiger Algorithmus, der unsere Fähigkeiten entwertet und uns auf ein Leben unbezahlter Carearbeit und beruflicher Unterbezahlung vorbereitet.

Allzu steile These? Passt auf. Erinnert ihr euch an diese Fleißkärtchen aus der Grundschule? Meine strenge Lehrerin Frau Resch verlieh sie für „Fleiß und gutes Betragen“. Emsig gesammelt haben sie vor allem die Mädchen in der Klasse; genauso wie die goldene Sternchen und „Fleißiges Bienchen“-Stempel im Hausaufgabenheft. Das funktioniert durch die gesamte Schul- und Studienzeit hinweg: Mädchen outperformen die Jungs, weil sie beflissen und meisterhaft das Fleißsystem bedienen. Und die Jungs? Die verschlampen ihre Hefteinträge, schreiben Hausaufgaben ab, hacken das Whiteboard, kommen mit Charme und Frechheit und einem 3,8er Abischnitt durch – mit einem Minimum an Aufwand, aber mit einem entscheidenden Learning: Regeln sind verhandelbar.

Aber damit nicht genug: Wenn Frau Resch, Papa, Mama, Oma und Opa Mädchen tagein, tagaus für ihren „Fleiß“ loben, wird ihre Leistung systematisch der Anstrengung zugeschrieben – statt der Fähigkeit! Jungs hingegen lernen, dass Erfolg von angeborener Intelligenz und Talent kommt. Das stellt die lebenslangen, psychologischen Weichen: Mädchen lernen, dass sie nur durch ihre unermüdliche Arbeit wertvoll sind. Und das ist genau die Arbeit, die als Care-, Pflege-, Beziehungs- und emotionale Arbeit kulturell und ökonomisch systematisch entwertet wird. Der Game-Changer kommt später: Denn im Haifischbecken von Wirtschaft und freiem Markt gibt’s keine Fleißkärtchen mehr. Während wir Frauen uns weiterhin brav im System optimieren, brechen die Jungs die Regeln – und landen im Vorstand.

Der fundamentale Denkfehler: Frauen glauben, dass Fleiß zum Erfolg führt. Das, Ladies, könnt ihr euch abschminken! Die Zahlen entlarven diesen Mythos als Lüge: Zählt man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, arbeiten Frauen weltweit eine Stunde länger pro Tag als Männer. Dabei verdienen sie in Deutschland und Österreich 16 bis 18 Prozent weniger pro Stunde (obwohl sie auf Grund ihrer besseren akademischen Qualifikation höher bezahlt werden müssten als Männer). Der Zeitpunkt, an dem Fraueneinkommen in der Biografie stagnieren, korreliert exakt mit der Phase, in der sie primär Carearbeit übernehmen. Es ist also genau anders herum: Das System belohnt nicht den Frauenfleiß; es beutet ihn aus.

Die Sozialisierung funktioniert wie am Schnürchen. Frauen werden konditioniert, ihre Arbeit als selbstverständlich zu betrachten, Unterkompensation zu akzeptieren, und sich selbst die Schuld zu geben, wenn sie scheitern oder zusammenbrechen. „Fleiß allein bringt mich nicht weiter“, fasst sheconomy-Herausgeberin Kristin Hanusch-Linser die Erkenntnis über ihre Karrierejahre zusammen, und recht hat sie. Erfolg kommt nicht von Fleiß.

Die Wirtschaft belohnt andere Faktoren: Networking und Sichtbarkeit beispielsweise – 70 bis 80 Prozent aller Jobs werden über Netzwerke vergeben, also außerhalb des Büros, unter Buddies, beim Sport, Dinner, Feierabendbier. Belohnt wird auch die Fähigkeit, strategisch zu denken, die Regeln zu erkennen, zu brechen und das Spiel zu ändern. Und das geht nur durch kluges Beobachten, Strippen ziehen, Einflussbereiche ausbauen. Ladies, hört auf, Fleißkärtchen zu sammeln. Fangt an, das Spiel zu drehen.

Julia Peglow
Erfolg Karriere